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Kreatives Schaffen als Sprachanlass

Wie fühlt sich Fingerfarbe eigentlich an? An den Händen, den Füßen, der Haut?


Kalt, glitschig und vor allem kitzelig war der überwiegende Konsens. An manchen Körperstellen kitzelten die Pinselhaare besonders, an manchen weniger. Auf Füßen, Beinen, Bäuchen, Armen und Gesichtern wurde erprobt, wie die eigene Haut verschwindet und eine Farbschicht wächst. Oder viele Farbschichten übereinander. Ganz viele. Wirklich sehr, sehr viele. Und dann? Trocknete die Farbe, das Gefühl veränderte sich. Jetzt war es nicht mehr glitschig, aber wie sehe ich eigentlich aus!? Das eigene Körperbild durch Farbe bedeckt im Spiegel bewundern. Weiter[an]malen.


Mit richtig viel Farbe konnte man Schmatzgeräusche mit den Händen erzeugen oder schmierige Fußspuren auf dem Boden hinterlassen. Nach ein paar gegangenen Schritten aber kamen dann die eigenen, einzigartigen Fußabdrücke zum Vorschein und luden ein zum Tanz und zum Hüpfen, zum Nachgehen und Nachspüren. Handabdrücke gesellten sich dazu und der ein oder andere Ellebogen und das ein oder andere Knie wurden als Stempel genutzt. Freude über die plötzlich sichtbaren Bewegungen, die sich in allen möglichen Farben auf dem Boden und dem Papier platzierten – „Guck mal, das bin ich!“.

 

Ganz zaghaft und achtsam erprobten die Kinder zunächst das Material, weil sie unsicher waren, ob und wie viel Farbe denn jetzt überhaupt wo hin darf. Immer wieder wurde sich rückversichert – darf ich meine Hand anmalen? Darf ich mit dem Fuß malen? Darf ich...? Immer mutiger und sicherer wurden sie im Umgang mit der flüssigen Farbe. Temperamentvolle Kinder fanden Ruhe und Konzentration, zurückhaltende Kinder fanden Wildheit und Lautstärke. Genüsslich wurde dem eigenen Bewegungswillen nachgegangen und im Stehen, Liegen oder Sitzen „gemalt“, gematscht, gepinselt und farben-getanzt.

 

Viel zu kurz ist der Vormittag, viel zu viel gibt es noch zu entdecken. Im Sommer soll es draußen weitergehen, wenn die warmen Sonnenstrahlen an der Nase kitzeln und das Wasch-Wasser im Handumdrehen wieder trocknen lassen.


Was hat das mit Sprachentwicklung zu tun?

Dazu müssen wir einen Schritt zurück gehen und uns anschauen, was bspw. auch schon im hessischen Bildungs- und Erziehungsplan festgehalten steht: „Von Geburt an erkundet und erschließt das Kind die Umwelt mit all seinen Sinnen. Diese sinnliche Wahrnehmung und die Erlebnisfähigkeit der Kinder werden in der Begegnung mit Kunst gestärkt und ausgebildet. […] Durch sinnlich-körperliches Wahrnehmen und kreatives Gestalten werden sowohl Vorstellungskraft als auch Denkfähigkeit gestärkt.“

 

Kinder lernen die Welt verstehen durch Erfahrungswissen, das sie sich durch sog. Elementare Experimente aneignen - sie BEgreifen durch ERgreifen, sie forschen unentwegt, testen jegliche „Materialien“, Zusammenhänge und [eigene] Fähigkeiten. Hier wird auch deutlich, dass die oft von Erwachsenen kategorische Einteilung in bestimmte Lernfelder [„Bewegung, Musik, Kunst“… ] für Kinder nicht relevant ist, weil sie im Entwicklungsprozess nicht trennbar sind. Malen, Matschen, Kneten – Spuren hinterlassen, fühlen und bewegen: Im „künstlerischen Feld“ angesiedelt, weil es gesellschaftlich tolerierter ist, mit Farbe statt mit Brei oder Speichel zu experimentieren. Für Kinder stehen die „verschiedenen Lernfelder“ aber nicht nebeneinander, sondern sind unausweichlich ineinander verwoben und gleichwertig miteinander verknüpft. Durch ästhetische Bildung zum Weltwissen, durch Experimente die Umwelt, sich und die anderen verstehen.

 

Am Anfang steht die Haptik. Aber: je umfassender, also je mehr Sinne und Emotionen in diesem Lernprozess angesprochen werden, desto umfangreicher wird auch jenes Erfahrungswissen verankert. Im täglichen Erleben lernen Kinder auch Sprache und ihre Bedeutung [kennen]. In dieser ganzheitlichen Lernerfahrung, im interaktiven Miteinander und durch das soziale Umfeld wird der komplexe Lernprozess der Sprachentwicklung eines Kindes nicht nur beeinflusst, sondern kann auch durch eben jene gefördert werden.


Wenn Sprache alltagsnah und vor allem im lebendigen Umgang erprobt wird, können Kinder Worte und Sätze vielschichtig wahrnehmen und durch den spielerischen Rahmen Freude und Spaß daran entwickeln. Das kreative Gestalten als Grundbedürfnis des Menschen kann darüber hinaus zu einer Steigerung des eigenen Selbstwerts führen und Ressourcen aktivieren, die dem Kind Entwicklungsprozesse teilweise überhaupt erst ermöglichen, weil es sicher genug ist, aktiv in die Welt hinauszugehen und sich auszuprobieren.

 

In der ästhetischen Bildung werden jedoch nicht nur verschiedene Sinne angesprochen, das Kind findet hier leicht einen Zugang zur Sprache und kann seinen Wortschatz spielend erweitern: Es agiert auch hier nach dem Lustprinzip und kann – im entsprechenden Rahmen – den eigenen Bedürfnissen und Interessen folgen und den ureigenen Themen Raum geben, die ohne Umwege aus dem Kind heraussprudeln und ihren Ausdruck finden möchten. Durch diese Authentizität ist das Erleben an starke Emotionen geknüpft, die beim Heranwachsen bzw. mit dem Erwerb der verbalen Sprache oft nur dürftigen Ausdruck finden und auf einige wenige Begrifflichkeiten reduziert werden.


» KREATIVES SCHAFFEN ALS

KONTAKTAUFNAHME UND SPRACHANLASS.

KREATIVES SCHAFFEN ALS GRUNDSTEIN

FLEXIBLEN DENKENS UND AUSDRUCKS. «

 

Bei schöpferischen Prozessen lernt das Kind im konsequenzfreien und „geschützten“ Raum, dass es sich auf verschiedene Arten ausdrücken darf und kann und dadurch auch auf unterschiedliche Weise eine Rückmeldung erhält. Es lernt, dass in unserer Gesellschaft die verbale Sprache ein wichtiges Ausdrucks- und Kommunikationsmittel ist, kann sich aber trotz dieser schweren Bedeutungsgröße mit Freude und Leichtigkeit herantasten und darin erproben. Durch die vermeintliche Nebensächlichkeit der verbalen Kommunikation und dem dadurch entstehenden spielerischen Charakter wird die verbale Sprache nicht unmittelbar in den Fokus rückt, ist aber dennoch stets präsent. Das ermöglicht jedem einzelnen Kind seinen bevorzugten Ausdruck zu finden bzw. darüber hinaus auch Sicherheit in gesprochener Sprache zu erlangen, weil es sonst aus Scham oder Angst vor Fehlern eher weniger sprechen würde, hier aber auf ganz anderen Dingen mit seiner Aufmerksamkeit haftet.


Einige Verfahren zur sprachlichen Bildung widmen sich dem Thema „Geschichten“: erfinden, erzählen, vorlesen, zuhören, austauschen. Etwa im Vorschulalter beginnen Kinder allmählich vermehrt figurativ und „sinnhaft“ zu malen und zeichnen – sie bilden jedoch nicht einfach ihre Umgebung ab; kopieren nicht das, was sie sehen, sondern gestalten sozusagen ein „Erlebnis-Bild“, indem sie ihre eigene Welt durch das [verbale & gestalterische] Erzählen konstruieren und somit Eindrücke verarbeiten. Oft erzählen Kinder dabei noch einmal, was sie erlebt haben, während sie es in eine gestalterische Form bringen – das hilft ihnen, ihrem Erleben und ihren Erfahrungen einen eigenen Ausdruck zu geben und fördert dadurch außerdem die Erzählfähigkeit. Hat das Kind eine spannende Erfahrung gemacht [und/oder ist ein Produkt entstanden, auf das es stolz ist], so wendet es sich oft an eine anwesende, erwachsenen Person, um seine Erkenntnis und Freude darüber zu teilen:

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