Die Problematik vom Bewerten und Interpretieren von Kinderbildern

Warum Kinderbilder immer Erlebnis-Bilder sind


Kinderbild Menschen Haus Hand Stift grün
Ein Kinderbild entsteht. Die Familie? Finden wir nur über's Gespräch heraus.

Wer einmal Kinder beim Malen oder Zeichnen beobachtet hat, wird sicherlich schnell festgestellt haben, dass dort nicht einfach nur gesehene Dinge auf das Papier wandern oder irgend etwas aus der Umgebung abgebildet wird, sondern die Kinder [noch einmal] erleben, was sie dort gerade in Farbe und Form packen.

 

Es ist eine Geschichte, die - verbal und bildhaft verknüpft - erzählt wird und nur verstanden werden kann, wenn man dem Prozess des Mal-Erlebnisses beiwohnt. Und selbst dann ist bei Analysen und Deutungen äußerste Vorsicht geboten bzw. sollte grundsätzlich von Nicht-Fachpersonal wie Maltherapeut*innen oder Kinderpsycholog*innen vermieden werden.

 

Warum?

Unabhängig der oft fehlinterpretierten "Farbsymbolik" [Dazu habe ich auch einen Artikel :) ], folgt das Gestaltungsverständnis von Kindern und Erwachsenen für gewöhnlich anderen Spielregeln. Das Gestaltungsbedürfnis des Menschen als Grundbedürfnis ergibt sich aus dem Bedürfnis der Selbstwirksamkeit und des Ausdrucks - Kinder spüren in den ersten Lebensmonaten und -jahren die Freude an der Bewegung und des Hinterlassens einer Spur. Das fängt beim Brei-Manschen an. Und auch später, etwa ab dem 3. Lebensjahr, wenn Kinder beginnen ihre Bilder mit begrifflich-kognitiven Motiven zu füllen und zu begleiten möchten sie ihre Umwelt nicht abbilden, also kopieren, sondern sich und die Welt kennen- und verstehen lernen und sich in Beziehung setzen, die Prinzipien der Weltordnung erforschen. Sie machen sich - wortwörtlich - ein Bild von der Welt.

Kinderhand mit Pinsel zwischen nacktem Kinderfuß
Wie fühlt sich der Pinsel eigentlich zwischen meinen Fußzehen an?

Die meisten Erwachsenen haben im Laufe ihres Lebens aber einen ganz anderen Bezug zu kreativem Schaffen, visuellen Eindrücken und schöpferischen Prozessen entwickelt. Sie sind es gewohnt, dass Gestaltungen im weitesten Sinn als Kommunikationsmittel genutzt werden und in der Regel eine Botschaft enthalten, die meist sogar an jemanden adressiert ist. Sie haben gelernt, dass es sich bei diesen Bildern einerseits um Abbildungen bzw. Kopien ihrer Umwelt [bspw. Fotos], andererseits um reine Fantasie-Ergzeugnisse handelt, die überwiegend einen bestimmten Zweck erfüllen sollen [z.B. Werbung]. Ist dies nicht der Fall, sind die meisten Erwachsenen überfordert und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen: Insbesondere "die polarisierende abstrakte Kunst" zeigt hier deutlich das "Unverständnis" von Vielen, weil sie es tatsächlich einfach nicht verstehen: Weil ihre gewohnte Lesart hier nicht funktioniert. Weil das Gehirn auf andere Signale gepolt ist. Weil sie diese Bilder durch die Augen eines rationalen Beobachtenden wahrnehmen und auf Botschaft und visuellen Zweck absuchen.

Tisch mit Zeitungspapier, Kinderhand, Kind malt mit lila Stift auf Papier
"Warum hast Du auf der Zeitung gemalt, statt auf dem dafür bereitgelgeten Papier?" - Die Frage ist doch "Warum nicht?"

Genau das passiert auch, wenn diese Augen auf Kindergestaltungen treffen. "Was hast Du denn da gemalt?" "Soll das ein XY sein?" "Oh, ein Hund, wie schön." ... Krampfhaft möchte man etwas erkennen. Man möchte einordnen, Bezüge herstellen und vor allem eins: Verstehen. Oft fallen viele Warum-Fragen, die das Kind jedoch völlig überfordern. Der Erwachsene sucht und legt sich Antworten zurecht, die allerdings am Kind und seiner Gestaltung vorbeigehen. Denn die ist alles andere als ergebnisorientiert! Zumindest in ihrer Ursprünglichkeit. Jetzt wird sich der ein oder die andere denken: Aber meine Kinder wollen doch etwas bestimmtes gestalten! Kinder lernen schnell, was den Erwachsenen gefällt und entfernen sich so immer früher von der eigentlichen Prozesshaftigkeit ihres kreativen Schaffens. Es gibt Lob für meinen 100. Regenbogen, möge er noch so hingerotzt sein? Über meinen gelben Klecks, den man offenbar eine Sonne nennt, freut sich der Erwachsene auch sehr? Gut zu wissen, mach ich jetzt immer so! Die Motivation aus eigenem Antrieb kreativ zu sein und Erfahrungen zu machen verschiebt sich zur gut gemeinten Lobes-Konditionierung. Und wie wir wissen, ist das Gegenteil von gut ja gut gemeint.

Abstrakte Bewegung, schwarze Tusche auf weißem Papier
Schwarzer Strich oder herabspringender Mensch? Oder Meeresrauschen? Oder...?

Was also tun?

Sich vor Augen halten, dass meine gewohnte Lesart von Bildern und Gestaltungen hier wahrscheinlich nicht zutrifft und ich mich mit meinen "Erwachsenen-Fragen" zurückhalten sollte. Diese können Kinder nämlich schnell überfordern und in Summe und Kombination mit anderen begünstigenden Faktoren am Selbstwert des Kindes kratzen, und zwar ordentlich.

Dazu trägt auch bei, dass Kinder bis in die Pubertät hinein nur schwer zwischen ihren Gestaltungen und ihrer Person differenzieren können. Sie ist ein Teil des eigenen Ausdrucks und damit der eigenen Person. Je jünger der Mensch, desto enger verwoben sind gestalterischer Ausdruck und eigenes Empfinden. Wer ein Kinderbild bewertet, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er damit stellvertretend das Kind bewertet. Dazu zählt natürlich auch der übliche Umgang mit Kindergestaltungen und ihren Prozessen: Nehme ich es ernst? Nehme ich mir wirklich Zeit, um zuzuhören? Um mir die Geschichte erzählen zu lassen? Um die Erfahrungen meines Kindes zu beobachten oder sogar mit zu erleben? Nehme ich Anteil?

Formel für das Erlebnis-Bild. Gilt vorrangig, aber nicht nur für Kinderbilder. ;)
Formel für das Erlebnis-Bild. Gilt vorrangig, aber nicht nur für Kinderbilder. ;)

Bei Kinderbildern geht es also vorrangig um Ausdruck und in-Bezug-setzen, Prinzipien erforschen. Wenn man das als erwachsener Mensch berücksichtigt, kann man eine vielversprechende Grundlage schaffen, um Kindern den sicheren Rahmen zu bieten, den sie für ihre Entwicklung benötigen. Denn um ihrer innewohnenden Kreativität [und damit einhergehend Lernprozesse und Resilienz] unbelastet folgen zu können müssen Kinder eine Wertschätzung der eigenen Person erfahren, die völlig unabhängig von Leistung oder Wissen erbracht wird. Nur dann können sie sich ihrer Ressourcen bedienen, wachsen und kostbare Erfahrungen machen, von denen sie ihr ganzes Leben lang profitieren werden.


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